Museum ohne Mauern - das dezentrale Museum
Das Projekt Museum ohne Mauern, initiiert vom Institut für kuratorische Stadtgeschichte, stellt einen innovativen Ansatz innerhalb der zeitgenössischen Museumspraxis dar. Anstelle eines zentralisierten Ausstellungsortes verfolgt das Museum ein dezentrales, ortsspezifisches Konzept, das historische Artefakte in den urbanen Raum von St. Pauli zurückführt. Die Exponate werden dabei nicht isoliert präsentiert, sondern bewusst in jene Kontexte integriert, in denen sie historisch verortet sind oder eine narrative Anschlussfähigkeit besitzen.
Dieses kuratorische Prinzip ermöglicht eine unmittelbare Verschränkung von Objekt, Ort und Erinnerungskultur. So befindet sich etwa die originale Etikettengestaltung des Künstlers Erwinn Ross für Astra-Bier-Sondereditionen in der Astra St. Pauli Brauerei, wodurch Produktionsgeschichte und Gestaltungspraxis sinnlich erfahrbar werden. Im Arcotel Onyx wiederum wird Besteck aus dem ehemaligen Vergnügungstempel „Trichter“ gezeigt und verweist auf die Transformation von Orten und deren Nutzungen im Laufe der Zeit.
Weitere Beispiele umfassen ein historisches Blechschild der legendären Esso-Tankstelle auf der Reeperbahn sowie Devotionalien der The Beatles, die bei jenem Friseur ausgestellt sind, der den ikonischen „Pilzkopf“-Haarschnitt prägte. Auch persönliche Briefe an eine der bekanntesten Prostituierten Hamburgs werden im Stadtraum zugänglich gemacht und eröffnen mikrohistorische Perspektiven auf soziale Milieus und individuelle Lebensrealitäten.
Verantwortlich für das Projekt sind die Historikerin Eva Decker sowie Ekkehart Opitz, Direktor des Erotic Art Museums. Ihre Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von Stadtgeschichte, kuratorischer Praxis und öffentlicher Geschichtsvermittlung. Das Museum ohne Mauern kann somit als Beispiel für eine „dislozierte Sammlung“ verstanden werden, die traditionelle Institutionenstrukturen hinterfragt und neue Formen der Partizipation ermöglicht.
Das Museum ohne Mauern kann auch als kreative Lösung für die zunehmende Verengung von kulturellen Räumen verstanden werden.
Die Artefakte können auch im Rahmen von Stadtteilführungen unter dem Begriff "Reliquien der Reeperbahn" aufgesucht werden.
Eine jüngste Erweiterung des Projekts stellt die Eröffnung einer Bibliothek im St. Pauli Office dar. Diese umfasst Fachliteratur, Bildbände und historische Texte aus unterschiedlichen Epochen und ergänzt das bislang objektzentrierte Konzept um eine diskursive und forschungsorientierte Dimension. Die Bibliothek fungiert dabei nicht nur als Archiv, sondern auch als Ort des Austauschs für Museumspraktiker:innen, Historiker:innen und ein interessiertes Fachpublikum.
Insgesamt leistet das Museum ohne Mauern einen bedeutenden Beitrag zur Weiterentwicklung musealer Strategien im urbanen Raum. Es verschiebt die Grenzen zwischen Ausstellung und Alltag und macht Geschichte dort erfahrbar, wo sie entstanden ist.
Und es ist das erste dieser Art in Deutschland.



