Günter Zint - das heimliche Auge

Wenn es auf St. Pauli einen visuellen Gedächtnisspeicher gäbe, dann trüge er seinen Namen. Günter Zint hat nicht einfach Fotos gemacht, er hat festgehalten, was war, bevor es geschniegelt, gefiltert und gentrifiziert wurde. Die Reeperbahn wurde für ihn kein Motiv, sondern ein Lebensraum, den er mit wachem Blick, Haltung und einer guten Portion Ironie dokumentierte.
Seine Ausbildung zum Bildjournalisten (nicht zu verwechseln mit BILD-Journalisten) absolvierte Zint bei der dpa in Frankfurt. Erste Engagements führten ihn zur „Quick“ und zur legendären „Twen“. 1964 zog es ihn nach Hamburg – eine Entscheidung, die für die visuelle Geschichte der Stadt kaum zu unterschätzen ist. Neben seiner Arbeit für den SPIEGEL wurde er Hausfotograf im Star Club. Dort fotografierte er die Beatles, die Rattles und andere Größen einer Ära, die heute in Ausstellungen hängen damals aber eher nach Bier, Schweiß und Aufbruch rochen.
Anfang der 60er Jahre gründete Zint gemeinsam mit Hinrich Schultze, Marily Stroux, Gaby Schmidt, Jutta Stadach und Inge Kramer die Panfoto Agentur zur Verbreitung alternativer Pressefotos GmbH.
Ende der 60er folgte mit den St. Pauli Nachrichten ein Satireblatt, dessen Siegeszug erst durch das Unterbrechen der Vertriebswege gestoppt werden konnte. Mit im Redaktionsteam: Stefan Aust und Henryk M. Broder.
In den 70er Jahren verlagerte Zint seinen Fokus auf Umwelt- und Sozialthemen. Seine Bilder von der Hafenstraße und den Demonstrationen rund um die AK-Bewegung machten ihn zu Deutschlands Politfotograf Nummer Eins. Doch seinem Kiez blieb er treu: Als Hausfotograf des legendären Salambo dokumentierte er das exzentrische Leben rund um Betreiber René Durand, den er bis zu dessen Tod unterstützte. Gemeinsam mit Günter Wallraff lieferte Zint zudem die Bilder für Ganz unten, ein Buch, das die Arbeitswelt für türkische Gastarbeiter schonungslos offenlegte.
1982 begann der Versuch, auf dem Kiez ein eigenes Museum mit Zints Bildern zu etablieren. Der letzte Standort schloss 2020. Zahlreiche Bilder auf dieser Website stammen aus seinem Fundus, der heute von der rennomierten Stiftung Günter Zint verwaltet wird.
Augenzwinkernd gesagt: Wenn die Reeperbahn ein Tagebuch hätte, dann wäre Günter Zint derjenige, der es geschrieben, bebildert und nie beschönigt hat. Genau deshalb ist es bis heute lesenswert.


